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Inventur machen. Oder: vergessen, vergraben und verdrängt?

 

Am Ende des alten, zu Beginn eines neuen Jahres wird traditionell Inventur gemacht: Alles wird rausgeholt, angeschaut, sortiert und bewertet. Welchen Wert hat es noch, ist es nützlich – und für die Zukunft tauglich?

 

Dabei finden wir manches Mal Dinge ganz hinten in den Schubladen, die uns einen guten Dienst getan haben, an denen wir hängen, aber die einfach keinen richtigen Platz mehr finden. Aber wohin mit ihnen? Reicht es, sie einfach aus unserer Sichtweite zu bringen? Sie neu an einen unsichtbaren Platz zu verstecken? Oder belasten sie uns selbst tief im Keller vergraben? Liegen sie uns selbst dort noch auf der Seele? Fressen sie auch in der hintersten Ecke noch Platz? Oder Energie?

 

Wer schon einmal richtig Tabula rasa gemacht hat, kennt das Gefühl des Befreiungsschlages. Aber wie stellen wir sicher, dass wir im Eifer des Gefechts nicht zu viel über Bord werfen? Unsere Vergangenheit, an der wir auch zukünftig hängen werden; die uns zu dem gemacht hat, wer wir sind. Wie stellen wir sicher, dass sie nicht leichtsinnigerweise dem Rausch der Erneuerung zum Opfer fällt?

 

Manche Dinge finden erst nach Jahren des Dornröschenschlafes ein neues Leben, eine unerwartete Renaissance. Oft überwintern diese Schätze vergessen, vergraben, verdrängt in den hintersten Ecken – auch des Gedächtnisses – bis sie das Tageslicht plötzlich neu erblicken. Neu gefunden nehmen wir sie in die Hand, betrachten sie. Manches hatte bereits seinen Wert und Bedeutung, manches tat uns gut oder unterstützte uns. Wie konnten es nur so in Vergessenheit geraten? Wie konnte es passieren, dass wir uns so abgewendet, verändert haben und eine andere Richtung eingeschlagen sind?

 

Aber manchmal entdecken wir auch Dinge, die ein Stiefmutterdasein pflegten, sie wurden von uns links liegen gelassen, waren wertlos - doch auf einmal betrachten wir sie anders, bewerten sie nach neuen Maßstäben. Und es liegt weniger daran, dass diese Dinge sich gemorpht oder transformiert hätten. Vielmehr sind wir es, die sich verändert haben.

 

Wir können eine andere Perspektive einnehmen, decken jetzt auf, was aufgedeckt werden will, weil wir jetzt in der Lage dazu sind, es aufzudecken. Wir haben die Chance herauszufinden, was da ist, warum etwas da ist und zu entscheiden: Soll es so bleiben oder soll es gehen? Ist das, was ist noch aktuell, brauchbar, tragfähig? Ist es mir noch hilfreich? Oder hat es ausgedient? War es gut für das, was war? Und ist es jetzt auch mal gut? Oder gerade nicht?

 

TIEFGANG

 

Und weil an Objekten auch Erinnerungen und Emotionen haften, braucht es nicht nur Tatendrang und Mut, sondern auch eine Menge Energie, um auf Tauchstation zu gehen und eine Inventur der vergessenen Dinge und Gedanken anzugehen.

 

Denn das, was an den Objekten klebt, wird in dem Moment, in dem wir es wieder in die Hand nehmen, uns ihnen zuwenden und ihnen unsere Aufmerksamkeit schenken, aktiviert. Das, was wir für den Alltag zur Seite gedrängt, aus unserem Blickfeld geschoben hatten, wird wieder ins Leben gerufen. Wir hatten unsere Wirklichkeit anpasst. Nach dem Motto: Was nicht passt, wird passend gemacht. Und das ist auch gut so, damit es alles funktioniert. Zeitweise - aber dauerhaft wird dann manchmal doch anders buchstabiert.

 

Das Buchstabieren von dauerhaften Lösungen beginnt mit dem Erkennen. Und am Ende steht das Loslassen – oder manchmal auch das neu in Besitz nehmen. Doch wie machen wir das, wie schauen wir die Dinge an, die angeschaut werden wollen, wenn wir doch sonst immer nach vorne schauen?