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Im Portraitmodus. Oder: Wie stelle ich die Linse weit?

 

Wenn wir im Portraitmodus im Leben unterwegs sind, dann haben wir uns im Vordergrund scharf gestellt. Die Welt um uns herum wird zum unscharfen Hintergrund. Wir nehmen alles aus der 100% Ich-Perspektive, dem reinen Ego, wahr. Das hat den Vorteil, dass nach vorne raus alles klar und deutlich ist, der Fokus ist ausgerichtet.

 

Doch was ist außerhalb der Blickrichtung? An den Rändern wird es unscharf, da verlieren die Dinge ihre Wichtigkeit, geraten aus dem Blickfeld, werden irrelevant, auch für den persönlichen Weg. Ist das die beste Art und Weise durchs Leben zu gehen? Oder wäre es nicht besser den Blick auch mal links und rechts schweifen zu lassen, den Portraitmodus auszustellen und wahrzunehmen, was außerhalb unseres Blickkegels liegt?

 

Aber wie weiten wir unseren Blick, wie ändern wir die Einstellung? Es scheint eine paradoxe Idee, aber wie wäre es mal mit Augen schließen? Und mal sehen, was wir dann sehen. Was nehmen wir außerhalb der Ich-Perspektive wahr? Welche Gedanken, welche Ideen, welche Bilder tauchen auf? Aber sind die jetzt real? Bin ich denn nicht jetzt im eigentlichen Ich- bzw. Portraitmodus? Nicht unbedingt. Wir wechseln sozusagen den Gang. Vom Verstandesmodus, in das Selbst. Und was ist das Selbst?

 

Verschiedene Disziplinen, Fach- und Denkrichtungen haben dafür jeweils andere Namen und Konzepte gefunden:

 

das Unbewusste (Siegmund Freud), das kollektive Unbewusste (C.G. Jung), das Unterbewusstsein (als psychologisches Konzept), das langsames vs. das schnelle Denken (Daniel Kahneman), das Extensionsgedächtnis (Prof. Julius Kuhl), ...

 

Allen gemeinsam ist, die Kontraposition zum Verstand, sein Gegenspieler sozusagen. In diesem Gedächtnis sind die (persönlichen und kollektiven) Erfahrungen unseres Lebens gespeichert. Alles, was wir mal gemacht, gehört, gedacht, erlebt haben - unsortiert zusammen geworfen. Diese Erfahrungen stehen bereit, um uns jederzeit zur Seite zu springen.

 

Der Vorteil dieses Arbeitsspeichers ist seine Leistungsfähigkeit: blitzschnell kann er riesige Datenmengen gespeicherter Informationen abrufen und verbinden. Sofort gibt es eine Antwort, ein Bauchgefühl, eine Intuition, eine Erstreaktion. Ein Nachteil ist, dass wir darauf keinen direkt bewussten Zugriff haben. Sobald wir darüber nachdenken und dieses Gefühl erhaschen wollen, schaltet sich der Verstand hinzu. Der Verstand hat aber eine andere Aufgabe.

 

Wenn wir im Portraitmodus, im Ego sind, dann ist unser Blick fokussiert, gerade ausgerichtet auf das vermeintliche Ziel vor uns. Das macht uns zielstrebig und handlungsbereit. Wenn wir in diesem Modus unterwegs sind, dann überlegen wir nicht lange, ob es vielleicht einen besseren Weg gäbe, abseits des Weges, oder ob wir doch noch einmal einen grundlegenden Sicherheitscheck einlegen sollten. Jetzt ist das Gehirn auf Effizienz getrimmt, unnötige Aktivitäten, Spielereien, Hirngespinste sind aus Sparsamkeitsgründen im default nicht vorinstalliert. Ab Werk hat der Arbeitsspeicher dafür nicht genügend Kapazität, er muss mit einer Festplatte aufgerüstet werden.

 

Und diese müssen wir aktiv dazu schalten, mit einer bewussten Steuerung, wenn wir darauf zugreifen wollen - und das braucht Zeit. Wenn wir unseren Erfahrungsschatz also bewusst ansteuern wollen, dann müssen wir uns Zeit nehmen. Und wie machen wir das?