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Wer hat die Oberhand? Oder: Der Kampf um Status.

 

„Mama, was heißt kompensieren?" - Ah, da kann man doch gleich das Nützliche mit dem Praktischen verbinden und eine kleine Erziehungseinheit einschieben: „Also, mein Kind: Wenn man eigentlich unzufrieden ist und unnütze Dinge im Internet bestellt oder auf Netflix Serien schaut, wenn man eigentlich Hausaufgaben machen sollte …“ – „Oder immer arbeitet.“

 

Lektion verstanden.

 

Meine Tochter hat das Spiel um den sozialen Status intuitiv erkannt und die Gelegenheit genutzt, ihre Positionierung auszubauen. Denn sozialer Status ist ein Phänomen, das immer neu verhandelt wird.

 

In der Theaterwelt zeigt der ‚Status‘ das Machtgefälle an. Im Hochstatus ist eine Figur, die sich, gegenüber einer Person im Tiefstatus, dominant verhält. Denn Status ist flexibel und die Kunst besteht darin, in den richtigen Situationen vom tiefen in den hohen Status zu wechseln.

 

Der Mensch als soziales Wesen, nimmt innerhalb von Gruppen eine Position ein. Ein versierter Status-Spieler erkennt seine Chance und nutzt die Situationen, in denen er seine Position neu verhandeln kann. In ihrem Buch nennen Schmitt und Esser eine Reihe von amüsanten und beliebten Gesellschafts-Status-Spielen, wie z.B.:

  • Grußspiel: Wer sieht weg? Wer grüßt zuerst? Wer hat verloren? Und die Variante: Wie reagieren, wenn Ranghöhere zur Begrüßung einem die Hand zerquetschen?
  • Kellnerspiel: Wo bleibt die Bedienung? – Arroganz ist, wer außen hoch spielt, aber innen tief empfindet.
  • Politessen- und Beamtenspiel: Status durch berufliche Position. Wie reagieren auf anmaßende Überheblichkeit bei gleichzeitiger Teilnahmslosigkeit?
  • Abiturtreffenspiel: Wer ist was geworden? – Zurück auf den Schulzeit-Status.

 

Wegen der besonderen Gefahren und der Tragweite im Beruf raten Schmitt und Esser vorab zum Üben und Ausprobieren von Status-Spielen in Alltagssituationen…

 

Landgewinne

 

Gerade wenn wir es am nötigsten hätten, weil wir vor einer schwierigen Entscheidung stehen oder es uns schlicht nicht so gut geht, dann, wenn wir die Unterstützung von anderen bräuchten, gerade dann, bekommen wir oft das, was wir dann am wenigsten bräuchten: gute Ratschläge.

 

Grundsätzlich ist natürlich nichts dagegen einzuwenden. Manchmal öffnen sie uns den Blick, zeigen uns eine andere Perspektive. Manchmal bekommen wir das kostbare Geschenk eines Feedbacks, gut verpackt, am richtigen Ort und passender Stelle. Dann ist es mit Gold nicht aufzuwiegen, eine aufrichtige Rückmeldung zur eigenen Person.

 

Aber was ist, wenn es uns ungefragt, wie eine falsche Lieferung ausgehändigt wird? Man will ja nicht undankbar sein… Wenn sich jemand soviel Mühe mit der Verpackung gegeben hat.

 

Und was ist, wenn mit dem Inhalt etwas nicht stimmt? Wenn man merkt, dass einem da gerade mehr überreicht wird? Wenn man ahnt, dass da jemand Landgewinne macht und uns in den Tiefstatus drängt. Hat der Volksmund dann Recht, wenn es heißt: Ratschläge sind auch Schläge?